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Die Ausstellung TIME SIGNATURES zeigt zwei Gäste von AIR – ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich. Während die in Berlin lebende spanische Künstlerin Lucía Simón Medina (geb. 1987) noch bis Ende September zu Gast bei AIR sein wird, verbrachte der sardische Künstler Alessandro Biggio (geb. 1974) den Sommer 2017 als Gast des internationalen Austauschprogrammes, das seit dem Jahr 2000 vom Land Niederösterreich in Krems betrieben wird.

Beide Künstler/innen der Ausstellung TIME SIGNATURES setzen sich mit Zeit, mit dem Medium des Zeitlichen auseinander. Für Lucía Simón Medina und Alessandro Biggio ist weniger das finale Werk als der Prozess und das Werden des Werkes von Bedeutung. Der Verlauf des oftmals repetitiven künstlerischen Tuns, das zum Teil fast rituell anmutet, wird zum Gegenstand ästhetischer Reflexion. Das Werk konstituiert sich in kleinen Schritten und entsteht innerhalb eines langen Zeitraumes – durch die Aufzeichnungen von auf Primzahlenreihen basierenden Librettos bei Medina oder durch skulpturale Schichtungen aus Asche bei Biggio. Bei beiden Künstler/innen wird das Zeitliche wird als eigentliches Material des künstlerischen Tuns erkennbar.

Die ästhetische Praxis von Lucía Simón Medina bewegt sich entlang der Schnittstellen von Sprache, Logik, Mathematik, Kinästhetik und Musikalischem. Die Künstlerin versucht eine Übertragung und gleichzeitig subtile Dekonstruktionen von einer Disziplin in eine andere. Beim Aufeinandertreffen von Rationalem und ästhetischen, mehr intuitiv erfassbaren Wahrnehmungsereignissen zielt sie auf ein vorsprachliches Moment, auf den Zustand, kurz bevor das Vorsprachliche zu Worten gerinnt. Zur Herstellung, oder besser zur täglich-prozessualen Aufzeichnung ihrer Librettos verwendet Medina Bleistifte, die sie auf abgelegten Kalenderblättern durch Zeichnen spitzt. Aus diesem prozessualen Nebenprodukt überschriebener Kalenderseiten formiert sich sukzessive eine eigenständige Serie aus Zeichnungen, oft beinahe vollständig mit Graphit bedeckte Blätter, die als Notationen und Spuren des Zeitlichen selbst lesbar werden.

Die Werke des sardischen Künstlers Alessandro Biggio führen den Betrachter auf eine falsche Fährte. Biggio stellte während seines Aufenthaltes in Krems im Sommer 2017 eine Vielzahl kleiner Selbstporträts in Form von Tonköpfen her, jedoch nicht, um diese später zu zeigen, sondern um sie paradoxerweise alsbald nach der Durchtrocknung in Wasser wieder aufzulösen, sie also zu zerstören und zu Lehmpulver zu zermahlen. Das „wiedergewonnene“ Grundmaterial fungiert als Grundierung von Papier- oder Leinwandarbeiten, die formensprachlich abstrakt gehalten sind. Hat der Betrachter diesen verstörend-destruktiven Ablauf nachvollzogen, wird klar, dass es bei Biggio nicht um ein wie immer geartetes darstellerisches Resultat geht. Er interessiert sich vielmehr für den Prozess der Transformation, des Übergangs, des Werdens. Das Moment der Auflösung (die Pulverisierung der Tonkopfskulpturen) lässt die zeitliche Dimension, mehr noch die potentielle Vergänglichkeit in den Vordergrund rücken. Biggios Werke handeln nicht vom Dauerhaften, Werkhaft-Manifesten, sondern von grundlegenden Fragen nach dem Sein, dem Werden und schließlich auch vom Vergehen und Schwinden. In seinen subtil geschaffenen Transformationsprozessen übergibt Biggio die Regie ans Unkontrollierbare, er lässt die stoffliche Komponente des Materials zum Tragen kommen, als wolle er nicht bloß den eigenen Willen entkräften, sondern künstlerische Intentionalität selbst ad absurdum führen.

In den Arbeiten von Lucía Simón Medina und Alessandro Biggio lassen sich entfernt Bezüge zur Arte Povera, aber auch zur Konzeptkunst erkennen. Die Fokussierung auf das Transformatorische des Materials bei Biggio und die Transkodierung von Numerischem ins Poetisch-Musikalische bei Medina lässt sich durchaus konzeptuell, der Idee verpflichtet, lesen. Prozess und materielle Transformation sind dabei stets wichtiger als das finale Werk, als das vermeintlich Dargestellte. Das künstlerische Interesse richtet sich wesentlich auf Immaterielles, Flüchtiges, auf Spuren und Notate der Verzeitlichung, auf Signaturen des Zeitlichen selbst.

 

In Kooperation mit Galerie Stadtpark

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